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Interview: Peter Reimer – Weihnachts-CD als Werbegeschenk

Interview: Peter Reimer – Weihnachts-CD als Werbegeschenk

Wie wäre es denn, eine CD mit gemeinfreien Weihnachtsliedern aufzunehmen und in größeren Stückzahlen regionalen Unternehmen als Werbegeschenk zu verkaufen? Peter Reimer, aka “Der Mann auf der Bank”, hat genau das getan und erklärt ziemlich genau, wie er dabei vorgegangen ist. 

Julian Angel (J.A.): Peter, wir machen heute dieses Interview, da wir beide stolz sein können: Du hast einen Tipp in die Tat umgesetzt, den ich den MusicBiz Madness Lesern im letzten Jahr gegeben hatte. Nämlich, gemeinfreie Weihnachtslieder aufzunehmen, davon CDs pressen oder brennen zu lassen und in größeren Stückzahlen an lokale Firmen – oder an Eventkunden – zu verkaufen, damit diese sie als Werbegeschenke zu Weihnachten verteilen konnten. Aber bevor wir loslegen, stelle Dich bitte kurz vor…

Peter Reimer (P.R.): Bis Corona habe ich 35 Jahre lang freiberuflich als Gitarrist, Sänger, Komponist, Autor und Privatdozent gearbeitet, 8 Jahre lang Workshops in Deutschland und Italien gegeben, ca. 2.500 Konzerte und Engagements gespielt, 3 Singles, 9 CDs und 2 Bücher veröffentlicht. Als „Mann auf der Bank“ widme ich mich der Folk- und Weltmusik und dem Thema „Entschleunigung“.

Mein Hauptinstrument ist mittlerweile die Steelstringgitarre, früher die klassische Gitarre und die E-Gitarre, ich bin Spezialist für Fingerstyle und looperbasierte Musik, habe vier abgeschlossene Berufsausbildungen u.a. zwei staatliche Abschlüsse „Privatmusiklehrer“ und „Künstlerische Ausbildung“.

Musikalisch bin ich Kosmopolit und dankbar für meine klassischen Ausbildungen neben meinem Interesse an aller Art von Musik von Abba bis Zappa. Die Ausbildung hat mir einen musikalischen Horizont von 1.000 Jahren gegeben und meinen Blick stets weit gehalten in allem, was ich gemacht habe. Seit meinem 22ten Lebensjahr habe ich mich komplett mit Musik finanziert.

Mein bisheriges Geschäftsmodell waren Konzerte, etwa 50/50 öffentlich und privat, die GEMA-Tantiemen für die Aufführung meiner Musik und der Verkauf meiner CDs und Bücher nach den Konzerten. Dieses Geschäftsmodell wurde durch Corona und die anschließende Politik bis heute auf Eis gelegt und möglicherweise so weit zerstört, dass ich nicht mehr ausschließlich von diesem Geschäftsmodell meine Familie ernähren kann (ich bin seit 26 Jahren verheiratet und Vater).

Deshalb arbeite ich nach langem Vorlauf und langer Überlegung momentan an meinem YouTube-Kanal als Videolehrer und drehe gerade meinen ersten Videogitarrenkurs. Live geht natürlich momentan auch wieder ein bisschen was. Da allerdings nach wie vor 70% vom Umsatz fehlen und nennenswerte staatliche Hilfen ausbleiben, ist eben Nachdenken und alternatives Handeln angesagt.

J.A.: Für wie viele Lieder hast Du Dich entschieden und wie lange hat die Produktion gedauert?

P.R.: Ursprünglich wollte ich 7 Lieder nehmen, eine symbolträchtige, biblische Zahl. Am Ende waren es dann doch nur fünf. Warum? Von der ersten Idee am 18.10.20 bis zur Auslieferung am 05.12. war das Zeitfenster einfach klein. 14 Tage für’s Presswerk mussten berücksichtigt werden. D.h. am 20.11. musste alles vorliegen.

Ich habe also in diesen rund 4 Wochen die Bearbeitungen und Arrangements geschrieben – so richtig mit Notenpapier und so, Fingersätze entwickelt und geschrieben, damit das Üben auch effektiv ist. Es ging ja nicht um ein paar Feld-, Wald- und Wiesenakkorde, zu denen dann leidlich im Homestudio gesungen wird sondern um Gitarre solo oder 2 und dreistimmige Arrangements für Gitarre und Mandoline, die z.T. technisch auch schon etwas anspruchsvoller waren und in kürzester Zeit in Studioqualität verfügbar sein mussten. Da habe ich natürlich auch einen professionellen Anspruch, auch wenn ich hier und da mal Fünf habe gerade sein lassen. Ein großer Vorteil war, dass ich die Lieder kannte. Nach den Aufnahmen kamen dann Mix und Mastering.

Aus den ersten Mixen habe ich auch gleich den Trailer geschnitten, parallel dazu das Cover entwickelt, die Homepage erstellt und das Ganze online gestellt. Da war es dann so etwa Anfang November. Das Zeitfenster für die Akquise waren also noch ziemlich genau zwei Wochen.

J.A.: Und wenn dann ein Kunde angebissen hatte, wie lange hat es dann gedauert, die bestellte Stückzahl herstellen zu lassen? Das ist ja der Gedanke dahinter: die CDs erst dann in Auftrag zu geben, wenn die Kunden welche bestellt haben. On-demand, sozusagen. Verringert das Risiko…

P.R.: Es hat sich als sehr vorteilhaft erwiesen, nicht zuuuuuuu kundenorientiert sein zu wollen. D.h. es gab nur eine kostengünstige CD-Single mit gut gemachten Arrangements und einem netten Cover als Give-Away für die Belegschaft und im zweiten Zug als Geschenkartikel für meine Newsletterabonennten.

Ziel war es von Anfang an: im vorgegebenen Akquisezeitfenster von rund zwei Wochen eine Mindestauflage von 300 oder 500 Stück zu erzielen und diese dann einmal beim Presswerk zu bestellen. Also nur eine Bestellung, ein Produkt, eine Pressung.

Konfektioniert habe ich selbst. Die großen Stückzahlen habe ich an die Firmen persönlich ausgeliefert, die Newsletterabonnenten in der Ferne erhielten die CDs per Post (das waren 10er und 20er-Chargen) und die Einheimischen holten sie an zwei Tagen bei mir persönlich ab. Einem Fan, der an beiden Tagen nicht konnte, habe ich sie auch kurz vorbeigebracht.

J.A.: Wie war dann die Aufmachung der CD (Verpackung, Label, Farbe)?

P.R.: Die Verpackung war eine einfache, gestrichene, 4-farbige Kartonhülle, das Label ebenfalls. Die CDs waren in Zellophan eingeschweißt. Mein Vertragspartner war erstmalig HOFA, weil mein langjähriger Partner MAXON Media aus der CD-Herstellung ausgestiegen ist. Hat toll geklappt, sehr empfehlenswert – keine Angst, ich krieg nix dafür ;-) Die Vorlagen Grafik, Texte und Formate habe ich mit Photoshop Elements 14 erstellt. Die Textur stammt aus den Vorlagen von Photoshop und ich habe sie farblich ein bisschen weihnachtlicher gestaltet ;-)

J.A.: Hast Du Deinen Kunden auf Wunsch auch ihr Logo auf die CD oder das Booklet gedruckt?

P.R.: Nein. Ich habe es schlank gehalten. Wie gesagt: ein Produkt, eine Bestellung, kein customizing.

J.A.: Wie hoch waren Deine Kosten pro CD bzw. pro Bestellung und zu welchem Preis hast Du die CDs verkauft?

P.R.: Studiozeit war im eigenen Studio kostenlos. GEMA fiel auch keine an, weil Traditionals. Hätte ich die Arrangements angemeldet, hätte ich unterm Strich 1. trotzdem weniger gehabt, weil die GEMA sich einen höheren Betrag einbehalten hätte und 2. hätte ich diesen Teil dann erst dieses Jahr mit der GEMA-Ausschüttung bekommen. Am Ende lag ich für die 1.000er-Auflage bei etwa 0,65 € brutto pro CD und habe sie für 5,80 € brutto verkauft.

Zum Zeitpunkt der Bestellung ging ich von 800 CDs aus. Der HOFA-Vertrieb sagte mir, dass die 800 teurer kommen als 1.000, da 800 kein Industriestandard ist (500 und 1000 schon). Also habe ich 1.000 bestellt und nach der Abgabe der Pressunterlagen noch 160 CDs verkauft. Glückliche und gute Entscheidung :-)  

J.A.: Wie bist Du beim Verkaufen vorgegangen? Hattest Du zunächst frühere Eventkunden kontaktiert, oder hast Du Dir die Gelben Seiten zur Hand genommen?

P.R.: Die Telefonkontakte waren alles ehemalige Kunden oder mir persönlich bekannte Unternehmer aus der Region. Wenn man 34 Jahre lang Musik macht und weitgehend an einem Ort geblieben ist, kennt man schon ein paar tolle Leute. Ich habe sehr gezielt ausgewählt, wen ich anrufe, denn ich wollte Streuverluste soweit es geht vermeiden und nicht für 50 oder 100 CDs mehr stundenlang am Telefon sitzen. Es musste ja auch wirklich schnell gehen.

J.A.: Du hast auch extra eine eigene Seite auf Deiner Website mit Infos gebastelt…

P.R.: Genau. Wenn die Musik fertig ist, geht die Arbeit immer erst los ;-) Ein kleiner Video-Teaser und eine Extrahomepage mit einfacher Bestellmöglichkeit per Email sowie Countdown gehörte auch dazu. Das ging aber keineswegs vollautomatisch über einen Shop, sondern alles händisch. Da war auch viel Vertrauen seitens der Käufer und der Fans im Spiel. Ehrlichkeit und ein guter Leumund zahlen sich langfristig aus.

J.A.: Wie war denn die „Konversionsrate“, sprich, wie viele der kontaktierten Kunden haben angebissen?

P.R.: Wenn ich den Newsletter außen vorlasse und nur die persönlich akquirierten Kontakte nehme, waren es zwischen sensationellen 70 und 80%. Ich denke, da war schon auch bei vielen Käufern auch ein Stück Corona-Support und –Solidarität mit im Spiel.

J.A.: Was war denn die größte und kleinste Stückzahl, die bestellt wurde? Und wie viele CDs hast Du am Ende verkaufen können?

P.R.: Die höchste Einzelbestellung waren 250. Nachdem die Mindestbestellmenge von 500 erreicht war, habe ich das ganze nochmal über meinen Newsletter und mein privates Netzwerk in 20er und 10er Stückzahlen angeboten. Insgesamt waren es am Ende knapp vierzig Bestellungen mit einem Volumen von knapp 1.000 Stück

J.A.: Wirst Du es wieder tun?

P.R.: Ich denke schon, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob so ein Volumen nochmal zu erreichen ist. Wie gesagt: die Solidarität schätze ich rückblickend auf den Zeitpunkt als hoch ein. Die hat leider in 2021 deutlich nachgelassen, was ich Niemandem übelnehme. Die Spannung lässt sich halt nicht beliebig lange hochhalten, die Leute haben nach 1 ½ Jahren andere Themen. Zwei treue Fans unterstützen mich und meine Familie immer noch finanziell, wofür ich unglaublich dankbar bin. Auch für alle Fans, die mich in 2020 völlig unaufgefordert in einem Maße unterstützt haben, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Ein riesengroßes Danke an all diese tollen, empathischen und fürsorglichen Menschen.

Dazu kommt noch der Faktor Zeit als Fragezeichen. Die Arbeit am YouTube-Kanal und parallel am Videokurs nimmt mich zeitlich und energietechnisch sehr in Anspruch, zumal gerade live auch wieder ein bisschen was geht. Wenn es klappen sollte: geplant ist eine EP mit Irish Traditionals – mit Gitarre und Mandoline – beim letztjährigen Erfolg ist natürlich die Verlockung große auch künstlerisch ein bisschen Gas zu geben und mit ein bisschen Budget in Vorlage zu gehen. Meine Wunschgäste wären: Stefanie Bieber von „Harpish“ – keltische Harfe und Whistles, Gudrun Walter von „Cara“ an der Geige und Fabian Payr an der Nyckelharpa. Mal sehen, was am Ende draus wird – du kennst ja die Spannungsfelder von Vorleistung, Zeit und Budget auch gut

An alle da draußen: stay tuned und seid behütet.

J.A.: Hab vielen Dank, dass Du uns alle an Deinem Erlebnis teilhaben lassen hast. 

Peter Reimers Website: www.peter-reimer.de

Die Bestellseite für die Weihnachts-CD: www.mannaufderbank.de/weihnachts-cd

 

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About the Author

Julian Angel

Julian Angel ist chartnotierter Rockmusiker mit Hollywood Filmmusik Credits, Eventproduzent und Organisator der MusicBiz Madness Konferenz, Deutschlands erster Musikbusiness Konferenz für Musiker.

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